„Einen Rassisten vor den Spiegel zu stellen, ist eben auch nur ein Rassismus.“

Ein Beitrag zu dieser Sammlung. Der folgende Textausschnitt stammt aus dem Artikel „konkret“ gegen Nationalismus und Rassismus. Dem häßlichen Deutschen die Hosen runtergelassen! aus dem GegenStandpunkt 4-1992.
Die Beiträge der Zeitschrift GegenStandpunkt von 1-1992 bis 4-2006 sind auf CD erhältlich (empfehlenswert).

[…]

Hermann L. Gremliza zu Asylpolitik und Ausländerhetze:

„Nicht obwohl, sondern weil sie im Fernsehen die vietnamesischen Familien auf der Flucht vor dem Tod in Rauch und Flammen gesehen haben, stimmen 51% der Deutschen dem ersten Teil des Nazi-Schlachtrufs zu, 26% dem zweiten: ‚Deutschland den Deutschen! Ausländer raus!‘ … Die instinktiv gleichgestimmte Reaktion der ganzen deutschen Gesellschaft, ihrer Politiker, ihres Apparats und ihrer Intelligenz auf die brennenden Unterkünfte von Asylbewerbern markiert den Anfang vom Ende der zweiten deutschen Republik.“ („Es war einmal…“, 10/92)

Erstens: Ausländeranzünden – der „Anfang vom Ende der zweiten deutschen Republik“?

Verurteilt derselbe Artikel nicht ein paar Zeilen vorher den „gleichgestimmten“ Zynismus von Politikern und Öffentlichkeit, den Rechtsstaat und das Ansehen Deutschlands zum eigentlichen Angriffsobjekt des rechtsradikalen Terrors zu erklären? Um wen soll man sich denn Sorgen machen, wenn die Asylantenbude brennt – um deren Insassen oder um diejenigen, die sie da reingesteckt haben? Und war das nicht eben diese 2. deutsche Republik?

Zweitens: „konkret“ warnt vor einem aufkommenden Faschismus. Aber: Wofür ist sie eigentlich, wenn sie sich für Demokratie stark macht? Redet sie überhaupt über die Leistungen dieser Republik und die Opfer, die sie (auch ohne Judengesetze, Gestapo und KZs) in 43 Jahren Demokratie produziert hat – oder nicht vielmehr über ein Bild von ihr?

Hat die Antifaschisten von „konkret“ jede Ahnung verlassen, daß Demokratie und Faschismus „zwei Formen bürgerlicher Herrschaft“ (ein früher sehr geläufiger Buchtitel von Reinhard Kühnl) sind? Daß Demokratie demnach kein Zweck, sondern eine Methode kapitalistischer Herrschaft ist? Man mag ja sogar eine Weile geglaubt haben, daß nationalistische Krawalle zu einer zivilisierten Demokratie nicht passen und Rassismus ein besonderes Kennzeichen des Faschismus ist… Bloß:

* Wenn all diese häßlichen Dinge mitten in unserer blühenden Republik passieren, mit einem Parlament, mit einer freien Presse, mit mehreren Führern zur Auswahl –

* Wenn der Schatten-Kanzler von der SPD für eine Verschärfung der Asylverfahren „durch die gemeinsame Tat der Demokraten“ wirbt, „weil sonst andere kommen und es tun“, also gar nicht verspricht, etwas anderes zu tun als die Schönhubers – was bleibt dann übrig von der liebgewonnenen Demokratie-Vorstellung?

Den Gedanken, daß diese Republik der Nährboden für alle angeprangerten „Auswüchse“ ist, faßt Gremliza selbst dann nicht, wenn er sich scheinbar illusionslos über die deutsche Demokratie ausläßt:

„Nicht obwohl, sondern weil die Parole ‚Deutschland den Deutschen‘ den Abschied von der Demokratie markiert, wurde ihr Inhalt im Herbst 1992 zu einer Gemeinsamkeit der Demokraten … Der Demokratisierungs- bzw. Zivilisierungsprozeß von 40 Jahren BRD existierte nur im Mißverstand von Verfassungsschützern und dem Größenwahn der Achtundsechziger“.

Wer zwischen „Demokratisierungsprozeß“ und „zivil“ leichten Herzens ein Gleichheitszeichen zu setzen versteht, der ist so wild entschlossen, Demokratie für ein prinzipielles Gütesiegel zu halten, daß er die Praxis von 40 Jahren Bundesrepublik eher zur Tarnung erklärt, als auf sie als Wert etwas kommen zu lassen.

Drittens: Nicht umsonst trägt sich die Kritik am Staat, er würde den „Weg nach Auschwitz“ nicht verhindern, vorzugsweise am Vorgehen der Staatsorgane vor: „Auf dem rechten Auge blind!“

„Die politische Polizei, die mühelos tausende Demonstranten von einem Treffen der Waffen-SS fernhalten oder wegtreiben konnte, steht ganz hilflos da, wenn zweihundert Glatzköpfe mit ihren Baseballschlägern stundenlang Leute durch eine Stadt jagen. Die Justiz, die gegen einen linken Attentäter lieber fünf- als viermal lebenslänglich verhängt hat, entdeckt, wenn die Mörder eines Afrikaners vor ihr stehen, die resozialisierende Wirkung kurzer Bewährungsstrafen. Man muß nicht der Meinung sein, daß es gut wäre, möglichst viele Nazis möglichst lange einzusperren. Ich wäre zwar, wenn mich einer fragte, sehr dafür, aber auf was es hier ankommt, ist der Kontrast, der es niemandem zu leugnen erlaubt, daß Polizei und Justiz Morde und andere Straftaten von rechts genau so sehr begünstigen, wie sie das auf dem Weg der Weimarer Republik ins Dritte Reich getan haben.“

„konkret“ bemerkt, daß der Rechtsstaat linken und rechten Protest ungleich behandelt, und fragt: Wo führt das noch hin? Antwort: In die Vergangenheit.

Was aber, wenn die Bundesrepublik ihren Weg gar nicht über Weimar mitten in eine einzige Hitlerei nimmt, sondern genau so weitermacht wie bisher und zur Zeit? Gibt es an der aktuellen Praxis dieser Nation so wenig auszusetzen, daß man sie bloß als Wegbereiter zu Schlimmerem zu kritisieren vermag? Reicht es nicht, daß sie in- und ausländische Arbeitskräfte Dienst schieben läßt, bei Nicht-Bedarf feuert oder aus dem Land wirft, und deutsche Ausländerfeinde auf Pogrom-Stimmung machen läßt? Dem ewigen Mahner vor ’33 offensichtlich nicht. Und was, wenn der „schlappe“ Rechtsstaat plötzlich anfinge, Neo-Nazis härter zu verfolgen und länger einzusperren? Wäre Gremliza dann glücklich?

Vor lauter Sorge um ein Bonn, das kein Weimar werden soll, übersieht er jedenfalls glatt, wie typisch rechtsstaatlich es ist, politischen Ansichten – linken und rechten – mit Polizei, Justiz und Verfassungsschutz zu begegnen. Und vor lauter Beschwerde über den „Kontrast“ der staatlichen Behandlung merkt er gar nicht, wie sachgerecht und insofern verhältnismäßig dieser Umgang ist! Bei Linken entdeckt der Rechtsstaat die staatsfeindliche Absicht und kriminalisiert sie; bei Rechten stört ihn nur die ungesetzliche Gewalttätigkeit eines im Prinzip staatsbürgerlichen Willens. Es ist erstaunlich, wieviel Linke dem staatlichen Gewaltmonopol, dessen regelmäßige Opfer sie sind, abgewinnen können, wenn wenigstens auch einmal Faschisten verknackt würden.

Der Schlüssel zu allem: Die Sozialpsychologie des deutschen Wesens

Daß der deutsche Staat von Arbeitskräften mit fremdem Paß zur Zeit genug hat und die Unterbindung ungesteuerter Zuwanderung von überflüssigen Elendsgestalten aus aller Welt zu einer seiner Hauptaufgaben macht; daß der Sympathiewert von Ausländern in der gleichen Zeit bei den meisten seiner Untertanen rapide gesunken ist und es immer moderner wird, die Gnade der deutschen Geburt gegen Menschen anderer Herkunft geltend zu machen – diese Einigkeit zwischen Politik und Volk ist den Leuten von „konkret“ zuwider. Zugleich allerdings zeigt ihre Kritik, daß sie weder wissen, worin diese Identität besteht, noch, wie sie sich herstellt:

„Fürwahr, sie sind ein Volk“, stöhnt Gremliza und meint damit Innenminister Seiters ebenso wie den Lichtenhagener Azubi, Lafontaine und die Hausfrau aus Sindelfingen.

Dieser Seufzer ist insofern programmatisch, als die Zeitschrift zwischen der Ausländerfeindlichkeit der Nationalisten von oben und unten keinen Unterschied zu machen pflegt. Bliebe damit bloß die Frage ungeklärt, wer der größte Drecksack im ganzen Land ist, wäre das nicht weiter schlimm. Bloß verwechselt sie damit auch Ursache und Wirkung.

Ohne die Herstellung des kleinen mörderischen Unterschiedes zwischen In- und Ausländern, die ein Akt staatlicher Subsumtion ist, hätten die „aufgebrachten Bürger“ schließlich gar keinen Gegenstand, auf den sich ihre „Wut“ entladen könnte – mit ihr sehr wohl. Erst recht, wenn selbiger Staat ein „Ausländer raus“-Programm auflegt, mit dem er sein Interesse verkündet, nicht wesentlich mehr Menschenmaterial auf eigenem Gelände herumlungern zu lassen, als er für die hiesige Profitproduktion gerade braucht (inklusive Reserve), und den Rest dort zu halten, wo er den Pfeffer kauft. Liegt die Vermutung da so fern, daß Otto Normalo, der „Kanacken – Koffer packen“ ans Asylantenheim schmiert, seine Obrigkeit genau richtig verstanden hat?

Exakt umgekehrt bei „konkret“: Nicht dem Nationalismus des Staatsvolks, das sich die politische „Problem“-Definition zu eigen macht und darüber eine Menge von praktizierenden Fremdenhassern hervorbringt, gilt ihr Ärger; sie wünscht sich Nationalisten, die sich beherrschen – und ist zutiefst enttäuscht, daß sie dies nicht können, weil bis in die Knochen versaut:

Das Volk: Ein gieriger Mob!

Polemisch werden diese linken Volkskritiker darum auch nicht gegen den vermeintlichen Nutzen des „stolzen“ Privilegs, „ein Deutscher zu sein“, der gegen Diener anderer Herren, sogenannte „Schmarotzer“, zuweilen handgreiflich wird, sondern gegen einen angeblich tatsächlichen Gewinn, den der Deutsche aus dem Wachstum des Sozialprodukts gezogen habe:

„Deutsche Mittelständler und Kleinbürger aller Art ließen einen bürgerlichen Staat, der ihre materielle Gier befriedigte, eine Zeitlang gewähren; sogar das Geschwätz von Partizipation und Multikultur konnten sie, reelle Aussicht auf Zweitwagen und Dritturlaub vorausgesetzt, ein Weilchen anhören, ohne gleich das Messer zu ziehen … Nichts ist mehr, wie es war, seit die Deutschen ihre Meinung über Integration von Minderheiten, mehr Partizipation und Bürgerrechte nicht mehr für ein Linsengericht bzw. einen Frontspoiler verkaufen können … Sich vorzustellen, welcher Meinung sie sein werden, wenn das Volk ein Volk in Not ist, weil das Sozialprodukt nur um 1% statt um 2% steigt, ist nicht schwer.“

Ausgerechnet die trostlose Milchmädchenrechnung von den Fremdlingen, die „uns Brot und Wohnung wegnehmen“, soll schnödem Vorteilsdenken entspringen? Wenn es so wäre: Warum haben dann die Rostocker keine Lohnforderungen gestellt, sondern sich und ihr hübsches Plattenbauviertel von Ausländern „befreit“? Warum neiden die gierigen Deutschen ausgerechnet den „Absahnern“ aus den Notunterkünften und von der Müllabfuhr ihre Wohn- und Arbeitsplätze? Warum halten sie sich nicht an Opel und Neckermann, wenn sie so scharf auf „Zweitwagen und Dritturlaub“ sind?

Umgekehrt: Weiß „konkret“ nicht, daß Materialismus ganz anders zu Werke ginge? Das kapitalistische Privateigentum enteignen, also die Sachzwänge des Profits außer Kraft setzen, und eine Produktion aufziehen, die genügend materielle „Gier“ befriedigt, daß man die „Ausländer“ munter mit durchfüttern könnte!

Stattdessen verbeißt sie sich in eine Neuversion der alten linken Bestechungstheorie. Früher erklärten sich Linke nicht, was Arbeiter treiben, sondern warum sie die Revolution nicht betreiben, für die linke Theoretiker sie verplant hatten. Heute will man wissen, daß die Deutschen eigentlich schon immer Faschisten waren, und beantwortet sich die Frage, warum sie es solange nicht gezeigt haben. In beiden Fällen wird der angeblich so übermäßige Konsum als die Bestechung entdeckt, mit der sich der Prolet zweimal seine – sehr entgegengesetzte – wahre Natur hat abhandeln lassen.

Der Staat: Ohne Rückgrat!

Spiegelbildlich das Urteil über die Politik:
„Wie die Gesellschaft, so ihr Staat“.
In eben dieser Reihenfolge.

– Der Staat, ohne den kein Mensch jemals gemerkt hätte, daß „das Boot“ randvoll ist, gibt dem Pöbel nach und „opfert“ heißgeliebte Werte dem „Druck der Straße“, dem er wie immer gerne gehorcht:

„Heute wird das Asylrecht der Stimmungslage geopfert, morgen werden es vielleicht die Versammlungsfreiheit und die Freizügigkeit sein“ (Pohrt, 11/92);

– die Öffentlichkeit, ohne deren tatkräftige Hetze am Thema Nr. 1 so mancher Zeitungsleser womöglich gar nicht gemerkt hätte, daß eine „Ausländerflut“ sein Leben beengt, leistet Schützenhilfe;

– die Polizei, die den Wahnsinns-Brüdern nicht genügend Einhalt gebietet.

Einen politischen Zweck vermag „konkret“ in der Ausländerfrage vorne und hinten nicht zu entdecken. Entweder sie verwechselt die harte Absicht des aufgeworfenen Ausländerproblems mit dessen innenpolitischer Propaganda-Funktion und tippt auf „Ablenkung“ als „des Rätsels Lösung“. Oder sie verfabelt das Asylantenthema in eine Serviceleistung der Großkopferten an der faschistischen Natur ihrer Bürger. Oder sie dichtet dem Volk und seinen Führern am liebsten gleich einen kollektiven Wahn an, und landet damit zwangsläufig bei der modernsten Ausflucht für Unwissenheit – der Psychologie:

Die Figur des „häßlichen Deutschen“

Dem Vorurteil vom „guten Deutschen“, der Ansehen in aller Welt verdient, weil er in der Tradition von Goethe und Schiller steht und ein aufrechter Europäer ist, begegnet „konkret“ mit den Ressentiments eines zutiefst enttäuschten Volkserziehers, der an seine Schäfchen kaum noch glauben mag. Deren Denken und Handeln kritisiert sie als Ausdruck des spezifisch deutschen National-Charakters, der das Volk und die Taten seiner Herren bestimmt. Beim Zeichnen deutschen Un-Geistes imitiert „konkret“ die Rassisten sämtlicher Epochen und ersetzt die Kritik am rassistischen Tatendrang deutscher Nationalisten durch die Bebilderung der Behauptung: Die sind eben so:

* triebhaft: Siehe „Linsengericht bzw. Frontspoiler“;

* in seinen typisch deutschen Tugenden bloß berechnend: „Deutsch ist, sich solange ostentativ ordentlich, anständig und sauber aufzuführen, bis der Staat ein Einsehen hat und einem seine Verantwortungsethik in bar vergütet“ (Bruhn);

* ein Psycho-Ferkel: „macht sich öffentlich in die Hose und entbietet dabei sichtlich selbstbewußt den Hitler-Gruß“; „die typisch deutschen Tugenden (Ordnung, Anstand, Sparsamkeit) entstehen aus der Analerotik des Kindes; die gleiche Selbstermächtigung zur Barbarei, die in den Fäkalphantasien sich ausagiert, spricht aus der deutschen Faszination fürs öffentliche Urinieren“;

* eine Mischung aus Pawlow’schem Hund, Neger und Wolf: „instinktiv gleichgestimmte Reaktion der ganzen Gesellschaft“; „starke Ähnlichkeit mit afrikanischen Eingeborenenstämmen; Rückbildung in eine Horde“;

* der ewige Jude: „In den Vietnamesen erkannte man für einen Moment die eigene kleinkrämerische Abgefeimtheit wieder und die Fähigkeit, alles zu versilbern“;

* selber Schein-Asylant: „Sie riefen nach Demokratie und Einheit, weil sie unser Geld wollten. Selber haben die Ossis sich unter Vortäuschung ideeller Beweggründe bei uns eingeschlichen. Auf die Idee, daß auch mal Ossi-Busse im Westen brennen könnten, kommen diese seltsamen Menschen mit dem abgeschalteten moralischen Empfinden nicht“;

* ein geklonter Zombie: „Die Gesichter dieser Helden kann man, wenn man’s aushält, lange betrachten, und findet doch keinen menschlichen Zug darin. Abstoßend häßlich sind sie und in der Häßlichkeit einander zum Verwechseln ähnlich“ (Pohrt);

* das Gegenteil aller Tugenden, sprich „asozial“!

Dieser kurze Auszug aus dem Steckbrief des widerwärtigen Deutschen, über den sich „konkret“-Autoren seiten- und nummernweise auskotzen, ist gewiß nicht deswegen bemerkenswert, weil er einen an sich sympathischen Menschenschlag verunglimpfen würde. Bemerkenswert ist er, weil diese Kritiker des Nationalismus ihren Brechreiz selbst wieder nur als Theorie der nationalen (Un-)Arten formulieren können. Einen Rassisten vor den Spiegel zu stellen, ist eben auch nur ein Rassismus.

Fazit: Die „konkret“-Menschen blamieren öffentliche Ideologien manchmal an ihrer Dummheit und Gemeinheit, führen sie aber immer auf einen falschen Grund zurück: Im deutschen Nationalismus wollen sie eine ganz besonders widerwärtige Spezies (Unter?)Mensch entdeckt haben.

Vom deutschen Volk radikal enttäuscht sein – das ist auch ein Engagement für ein besseres Deutschland.

Wem gehört der Bauch der deutschen Frau?

Die katholische Kirche eröffnet einen Kulturkampf um die Frage:
Wem gehört der Bauch der deutschen Frau – dem Papst oder der staatlichen Zwangsberatung?

(Quelle: GegenStandpunkt Heft: 1-1998)

Da soll noch mal einer sagen, es gäbe keinen Fortschritt im Lande. Der päpstliche Abtreibungs-Ukas wirft ein Licht auf die geistig-moralische Wende, die den Geisteszustand in Deutschland in den letzten Jahren schwer vorangebracht hat.

1. Völlig außer Mode gekommen ist hierzulande der antiautoritäre Standpunkt „Mein Bauch gehört mir!“, mit dem in verflossenen Zeiten eine feministische Protestbewegung gegen staatliche Bevormundung und gesetzlichen Zwang zum ungewollten Kind agitiert hat. Praktisch hat diesen Standpunkt die Staatsgewalt durchkreuzt, die sich schon immer souverän darüber hinweggesetzt hat, daß manche Frauen eben trotz befruchteter Eizelle kein Kind wollen. Sie hat mit ihrem Paragraphen 218 die Abtreibung kriminalisiert und mit der Reform dieses Paragraphen die Kriminalisierung nicht aufgehoben, sondern Bedingungen für Straffreiheit eines eigentlich nach wie vor kriminellen Akts definiert. Betroffene Frauen sind vor einer eventuellen Abtreibung zu einer Zwangsberatung verdonnert, bei der ihnen völlig „ergebnisoffen“ ins Gewissen geredet werden soll, sich doch lieber auf das künftige Mutterglück zu freuen. Wer sich dann immer noch nicht so recht freuen kann, darf mit seinem „Beratungsschein“ zur nächsten Abtreibungsklinik gehen, falls die nicht gerade geschlossen wird, weil das Land Bayern mal wieder rechtliche Schritte gegen dieses Treiben unternommen hat…

Daß die Frauen in ihrer Mehrheit sich mit dieser Gesetzeslage arrangiert haben, ist eine Sache. Eine ganz andere Sache ist, daß jeder Protest der frauenbewegten Aktivisten gegen diese Praxis damit gleich auch abgestorben ist. Ganz offensichtlich sind die angeblich so radikalen Feministinnen wesentlich bescheidener als die hartgesottenen Brüder von der katholischen Kirche. Die haben an der „Beratungsregelung“ von Anfang an herumgenörgelt, obwohl ausgerechnet sie, die härtesten Befürworter von Verbot und Bestrafung jeder Abtreibung, zu staatlich subventionierten Beauftragten der Zwangsberatung gemacht wurden. Umgekehrt haben sich ausgerechnet die Vertreterinnen der Frauenbewegung mit dieser Regelung abgefunden und mit den Amtsträgern der katholischen Kirche ihren Frieden gemacht. Dabei hätte es sogar bleiben können – wenn nicht die strafwütigen katholischen Oberhirten sich mit ihrem Papst einig geworden wären, daß das so keinesfalls weitergehen kann.

Der Papst hat also einen Brief geschrieben, in dem er die staatliche Lizenz der katholischen Kirche in Deutschland, Frauen in „Schwangerschafts-Konflikten“ hemmungslos auf dem Gewissen herumzutrampeln, umdeutet in eine unmoralische Mitarbeit bei der „Lizenz zum Töten“, die den beratenen Frauen mit dem strafbefreienden Schein ausgestellt würde. Und selbstverständlich können sich die deutschen Bischöfe der herzlichen Bitte ihres Chefs, keine solchen mörderischen Beratungsscheine mehr auszustellen, nicht verschließen.

Die einzig passende Antwort: dann sollen sich die Pfaffen und ihr Anhang eben aus dem staatlich angeordneten Beratungsgeschäft heraushalten, ein bedauernswerter Verlust sei das nun wirklich nicht – so eine Reaktion ist nicht erfolgt. Erst recht nicht eine Offensive, die im Sinne der früheren Kampagnen auf eine Abschaffung des ganzen Paragraphen 218 mit seinem gesetzlichen Beratungszwang zielt. Statt dessen wird einhellig gesorgt und beklagt, die Kirchenobrigkeit könnte womöglich mit ihrem einseitigen Rückzug aus der bisherigen Beratungspraxis den ganzen schönen „mühevoll errungenen gesellschaftlichen Konsens“ in Sachen Abtreibungsrecht gefährden. Die gesamte demokratische Öffentlichkeit einschließlich ihrer kritisch-abweichenden Unterabteilungen hat also offensichtlich kapiert und akzeptiert: Die Freiheit der Frau besteht in staatlicher Zwangsberatung. Und dabei mag kein Freigeist die Kirche missen.

2. Selbstverständlich werden auch ein paar unfreundliche Töne gegen die Kirche laut, die mit ihrer Sturheit den vom deutschen Gesetzgeber nach langem Hin und Her verabschiedeten Abtreibungs-Paragraphen zu unterlaufen versucht. Sogar von „Fundamentalismus“ ist die Rede, wenn die weltoffenen Redakteure der kritischen Öffentlichkeit die Gottesmänner mal wieder mit der FDP verwechseln und nach einer echt liberalen Kirche seufzen.

Bloß, was folgt daraus? Eine Abfuhr holen sich die römischen Fundamentalisten nicht. Der deutsche Staat, der die Kirchenmänner als Agitatoren „fürs Leben“ bestellt hat und bezahlt, stellt sich in diesem Fall nicht auf den Standpunkt: „Wer zahlt, schafft an.“ Kein verantwortlicher Politiker beharrt auf der Trennung von Kirche und Staat, wenn die staatlich subventionierten Gottesdiener nicht im gesetzlich erwünschten Sinne spuren. Keiner der staatlichen Sicherheitspolitiker, die sonst bei „radikalem religiösem Fanatismus“ immer wissen, daß man „den Anfängen wehren“ muß, verweist warnend auf die zunehmenden Bombenattentate gegen US-amerikanische Abtreibungskliniken. Stattdessen sorgen sich lauter wohlmeinende staatliche Freunde der christlichen Moral – von der Familienministerin, die schon selber seit Weihnachten eine Verschärfung des Abtreibungsrechts fordert, über den Sozi-Fraktionschef Scharping bis in die christlichen Reihen von Bündnis 90/Die Grünen hinein – darum, wie die Kirche im Geschäft zu halten ist. Das wiederum ermutigt „bedeutende Teile“ der bekennenden evangelischen Kirche Deutschlands, dem päpstlichen Machtwort zuzustimmen und zu fordern, auch evangelischerseits sollte man die weltliche Obrigkeit mit der Ankündigung unter Druck setzen, man erwäge gleichfalls, durch Schein-Verweigerung das gesetzlich vorgeschriebene Beratungswesen zu sabotieren.

Man darf gespannt sein, welche goldenen Brücken die christlich-sozial-grün-liberalen Politiker dem gläubigen Fundamentalismus bauen werden, damit ihr Staatsinteresse an Frauen, die gesetzlich drangsaliert und wohlberaten freiwillig ihren gesellschaftlichen Mutterpflichten nachkommen, auch weiterhin mit der göttlichen Linie in dieser Frage kompatibel bleibt.

Quelle: GegenStandpunkt Heft: 1-1998
Die Beiträge der Zeitschrift GegenStandpunkt von 1-1992 bis 4-2006 sind auf CD erhältlich

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